brücken13 ein fest für die region

Alban Berg und Zeitgenossen

dienstag / 11. juni 2013 / 19.30 uhr
neuberg an der mürz / münster / refektorium

Hugo Wolf Quartett

Sebastian Gürtler, Violine
Régis Bringolf, Violine
Julia Purgina, Viola
Florian Berner, Violoncello


Thomas Wally (1981)
Capriccio (III) giocoso, crudele e un poco amabile
für Streichquartett (2012)

Manuela Kerer (1980)
seelenblitz für Streichquartett (2012)
I Der Atem des Lachens
II Energetisch
III Reflex
IV Euphorisierend

Alban Berg (1885-1935)
Lyrische Suite für Streichquartett (1926)
I Allegretto gioviale
II Andante amoroso
III Allegro misterioso - Trio estatico
IV Adagio apassionato
V Presto delirando - Tenebroso
VI Largo desolato

Zu den Komponisten und ihren Werken

Die Lyrische Suite von Alban Berg enstand 1926. Zu dieser Zeit hatte der Komponist bereits den Riesenerfolg seiner Oper Wozzeck gefeiert. Hochgeschätzt wurde der große Meister der dramatischen Musik vor allem für seine charakteristische Verbindung von konstruktiver Strenge und starkem persönlichen, klangsinnlichen Ausdruck.

Anlässlich der Uraufführung schrieb Berg eine kurze analytische Einführung zum Stück, in der er fast ausschließlich auf Kompositionstechnik hinwies. Das Werk sei zum Großteil in Schönbergs Technik der "Komposition mit zwölf aufeinander bezogenen Tönen", ansonsten aber frei atonal komponiert. Außerdem betonte Berg, dass die Sätze in eigenartiger Weise miteinander verknüpft seien, indem "jeweils ein Bestandteil (ein Thema oder eine Reihe, ein Stück, ein Teil oder eine Idee) in den folgenden Satz übernommen wird und der letzte wiederum auf den ersten zurückgreift".

Der Titel des Werkes und die Satzbezeichnungen fallen aber sofort als atypisch in der großen symphonischen Tradition des Streichquartettes auf. Die Entwicklung im Großen ist eindeutig eine lyrisch-dramatische: eine Steigerung der Stimmungs- und Ausdrucksintensität. Der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno, ein Freund von Berg, sprach sogar von dem Stück als einer "latenten Oper".

Berg wählte den Namen für seine Lyrische Suite offenkundig in Anlehnung an Alexander Zemlinskis Lyrische Sinfonie (eine Folge von sieben Liebesgesängen), hat sie dem älteren Freund und Mentor gewidmet, und zitiert sogar im Adagio eine Phrase des Baritons ("Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du die in meinen unsterblichen Träumen wohnst").

Erst 1970 entdeckte man jedoch eine von Berg annotierte Partitur, die das versteckte Programm des Werkes tiefgehend/tief gehend offen legte: das Drama der geheimen, verbotenen Liebe zwischen Berg und Hanna Fuchs-Robbetin, Schwester von Franz Werfel, eine Liebesbeziehung, die lange Jahre, leidvoll und hoffnungslos, verborgen anhielt. Diese kleine Partitur kommentierte Berg für seine Geliebte auf fast allen Seiten mit Erklärungen der programmatischen Natur des Stückes, sowie vielen anderen beziehungsvollen Details (so z.B. einem Zitat aus Wagners Tristan oder in einer Melodiestimme eingewobenen Versen aus einem Gedicht Baudelaires; und "immer wieder in die Musik hineingeheimnisst": Kombinationen der vier Initialen der Liebenden). Obwohl die durchaus auch als absolute Musik fassbare Suite dadurch nichts an Aussagekraft und Schönheit gewinnt, versteht man die eigenartigen Satzbezeichnungen in Kenntnis des geheimen Programms trotzdem besser: Von gioviale über das delirando der Krise des Liebesdramas, bis hin zum endgültigen Verzicht im desolato. Berg beschrieb insgeheim das Werk als "ein kleines Monument einer großen Liebe".

Thomas Wally (1980) studierte Komposition sowie Violine Konzertfach unter anderem an der Wiener Musikuniversität. Aufführungen seiner Werke durch renommierte Ensembles und Orchester erfolgten bisher beispielsweise im Wiener Musikverein, im Wiener Konzerthaus, sowie in Hongkong, New York, Rom, Cambridge, Bratislava, Moscow und Helsinki, und bei namhaften Festivals, wie Wien Modern, den Bregenzer Festspielen, den Klangspuren Schwaz, Ultraschall-Festival Berlin, Soundings London, den Östergötlands Musikdagar usw. Seine Werke wurden mehrmals vom Rundfunk übertragen, sein kompositorisches Schaffen wurde mehrfach ausgezeichnet. Thomas Wally widmet sich als Geiger verstärkt der Aufführung zeitgenössischer Musik. So spielte er unter anderem mit dem Klangforum Wien, dem Ensemble Reconsil, dem Ensemble Collage, mit phace | contemporary music und dem Ensemble Kontrapunkte. Er ist Mitbegründer des ensemble LUX, und seit 2002 Substitut der Wiener Philharmoniker.

Thomas Wally zu seinem Streichquartett:
Das dem Hugo Wolf Quartett gewidmete Capriccio (III) giocoso, crudele e un poco amabile (2012) ist das dritte Stück in einer mittlerweile 6 Capricen/Capriccios umfassenden Serie von Kompositionen, welche alle ihre Wurzel in einem 2008 für das Ensemble Wiener Collage geschriebenen Werk namens meer, teich, schwefelquell haben. Von Seiten des Ensemble Collage war damals ein Strindberg Bezug erwünscht gewesen. Im Buch Der Andere Strindberg stieß ich auf eine Passage, wo Strindberg seine Arbeitsweise beim Malen beschreibt. Der vollkommen ungezwungene, planlose Zugang zur weißen Leinwand, der quasi improvisierende Akt des Malens, das Umdeuten des Selbstkreierten, das Offenlassen des Ergebnisses, diese Arbeitsweise versuchte ich damals zu übernehmen, sie war mein Strindberg-Bezug, und diese Arbeitsweise habe ich auch mehr oder weniger bei allen Capricen/Capriccios angewandt. Im Konkreten heißt das: Fast keine Skizzen, sondern von der ersten Minute an ein "Komponieren in medias res". Vereinfacht in Schlagworten könnte man sagen: größtmögliche Entscheidungsfreiheit bei jeder einzelnen Note; Konzeptlosigkeit als Konzept. Dieser Kompositionsweise liegt ein doppelter "Paradigmenwechsel" zugrunde/zu Grunde. Waren für mich in den ersten kompositorischen Jahren die "große Idee" und das Streben nach Perfektion wichtige kompositorische Antreiber, so wichen diese etwa ab 2008 der "Liebe zum kleinen Detail" und dem Streben nach größtmöglicher Freiheit und kompositorischer Spontaneität.

Manuela Kerer (*1980 Brixen/Südtirol) interessiert sich für völlig konträre Bereiche und beschäftigt sich dabei letztlich doch immer mit demselben - der Musik. So schloss sie neben den Studien am Tiroler Landeskonservatorium (Komposition bei M. Lichtfuss und IGP Violine) die Studien der Rechtswissenschaften und der Psychologie an der Universität Innsbruck ab. Weiterführende Kompositionsstudien führten sie zu Alessandro Solbiati nach Mailand. Werke von M. Kerer entstanden für das "Solistenensemble Kaleidoskop Berlin", "die reihe", die "Bayerische Kammerphilharmonie" oder Ausnahmekünstler wie Julius Berger und Alfonso Alberti. Sie erhielt u.a. das Österreichische Staatsstipendium (2008, 2011), den "Walther von der Vogelweide- Preis" (2009), den "SKE Publicity Preis" (2011) oder den "Emil-Berlanda Preis" (2011). M. Kerer lebt und arbeitet derzeit in New York.

Manuela Kerer zu ihrem Streichquartett:
Lachen: Einer der wundervollsten Klänge, die es für Manuela Kerer gibt! So ließ sie sich von den verschiedensten Facetten dieses herrlichen Phänomens inspirieren, versetzte ihr Ohr sowohl in Aspekte der Physiognomie wie in seine entwicklungsgeschichtlichen oder sozialen Komponenten und übersetzte das Gehörte in ihre abstrakte musikalische Sprache. Dieses Streichquartett ist das dritte in einem Zyklus, das verschiedene Wahrnehmungsfelder des Menschen behandelt. So befasst sich Kerers Streichquartett "monddüne" (2009) mit dem Schlaf und das Streichquartett "geheimniswiege" (2011/2012) mit der visuellen Wahrnehmung. "seelenblitz" ist dem Hugo-Wolf-Quartett gewidmet.

Zu den Ausführenden


"Große Persönlichkeiten interagieren unsentimental, rücksichtsvoll und herzhaft zugleich, erzeugen einen emotionalen Sog, der sich nur schwer erklären lässt." Diese Qualitäten, gepaart mit leidenschaftlichem Ausdruckswillen und steter künstlerischer Neugier, sind das Markenzeichen dieses Quartetts. Seit 17 Jahren behauptet es sich an der Spitze der weltweiten Kammermusik-Szene und begeistert ein internationales Publikum. Bei der Programmauswahl des Quartetts nimmt neben der klassisch-romantischen Literatur auch die zeitgenössische Musik einen wichtigen Platz ein. Zahlreiche Kompositionen wurden für das Hugo Wolf Quartett geschrieben und von ihm uraufgeführt, wie das 4. Streichquartett von Friedrich Cerha, die "Dichotomie" von Johannes Maria Staud, Streichquartette von Erich Urbanner, Dirk D´Ase und Otto M. Zykan, sowie ein Quartett und ein Oktett des Jazzgitarristen Wolfgang Muthspiel. Die Aufnahmen mit den Beethoven Streichquartetten op. 18/4 und op. 132 (Gramola, 2001) und die Streichquartette D887 und D87 von Franz Schubert (VMS, 2009) erhielten jeweils den Pasticcio Preis des österreichischen Radiosenders Ö1. Mit dem legendären Jazztrompeter Kenny Wheeler und dem Pianisten John Taylor verbindet das Quartett eine enge Zusammenarbeit, die auf "Other People" (CamJazz, 2006) dokumentiert ist. Das Label "cpo" veröffentlichte 2007 die Erstaufnahme zweier Streichquartette von Franz Mittler, einem schillernden Wiener Multitalent der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die jüngste Einspielung mit 3 frühen Quartetten von Joseph Haydn (VMS, 2010) ist ein Livemitschnitt, entstanden während des Kammermusikfests Lockenhaus 2009. In der Saison 2011/2012 wird das Quartett das Gesamtwerk für Streichquartett seines Namensgebers Hugo Wolf veröffentlichen und plant einen weiteren Livemitschnitt, diesmal mit dem Oktett von Franz Schubert. Seit 2009 veranstaltet das Quartett seinen eigenen Quartettzyklus in dem renommierten Wiener Konzerthaus und hat dabei die Möglichkeit, dem Publikum seine ganz persönliche Vorstellung von Konzertsituation und Programmlinie zu präsentieren.

Mathilde Hoursiangou

€19,- / € 9,-


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