jahresmuseum

kalk.stock
Topografien des Hochschwabgebietes

freitag / 10. november 2017 / 19.30 uhr
kunsthaus muerz / walter buchebner saal

Eine multimediale Ausstellung von Michael Goldgruber

mit Beiträgen von
Thomas Ballhausen
Eva Guttman
Samuel Schaab


Das Hochschwab-Massiv liegt geopolitisch sehr interessant im Herzen Mitteleuropas und inmitten der eisenverarbeitenden Industrieregion in der nördlichen Steiermark. Der Gebirgsstock bildet eine Barriere zwischen Nord und Süd und hat in seiner Weitläufigkeit und Abgeschiedenheit eine Sonderstellung in den steirisch-niederösterreichischen Kalkalpen. So schlängelt sich auch die steirische Eisenstraße von Leoben über Hieflau durch das Salzatal nach Gußwerk und über Kapfenberg wieder zurück in die Mur-Mürz-Furche. Ein Gebiet, wo Weltabgeschiedenheit und Isolation auf Globalisierungserscheinungen trifft, romantisierende Naturverehrung auf wirtschaftliche Ausbeutung.

Michael Goldgrubers fotografische und filmische Arbeit reflektiert die spezielle und komplexe mediale Repräsentation von Landschaft und die Wahrnehmung von Natur, geprägt von romantischen Leitmotiven und medial evozierten Klischees. In vorformulierten Betrachtungsweisen von Landschaften äußern sich kulturelle Blickregime und Projektionen. So wie die Wahrnehmung der Naturräume kulturell motiviert ist, wird auch die Landschaft als solches menschlicher Kontrolle und Konstruktion unterworfen. Dieser Hintergrund in der Arbeit von Michael Goldgruber und der für diese Gegend typische Konflikt zwischen Globalisierung und kultureller Identifikation mit der romantisierten Gebirgslandschaft inspirierten den Künstler eine interdisziplinäre Ausstellung mit Elementen von bildender Kunst (Fotografie, Video, Installation), Literatur, Soundkunst, Architektur und Regionalentwicklung zusammenzustellen.

In den ausgestellten Arbeiten und Installationen werden unter anderem Panoramakompositionen durchgespielt, die sowohl Naturlandschaft als auch Besiedelungstopografien aufgreifen. Der "Kalkstock" des Hochschwab bildet dabei mit der für ihn typischen Gesteinsformation aus vorwiegend Dachsteinkalk sozusagen die Matrix für kulturelle Besetzung, Besiedelung und Vereinnahmung.

Die Mächtigkeit und scheinbare Beständigkeit des Gebirges einerseits, als auch Erosion und Zerfallserscheinungen andererseits sowie die monokulturelle Bewirtschaftung der Landschaft bilden den inhaltlichen Spannungsbogen für die Bilderwelten von Michael Goldgruber.
Sie lassen sowohl Sehnsuchtsmotive nach unberührter Natur erahnen als auch gleichzeitig die Künstlichkeit dieser menschlich kontrollierten "Wildnis". Panoramatische Blickregime werden in Landschaftsfotografien von für die Region typischen topografischen Fragmenten durchgespielt oder aber auch in einer großen Panorama-Wandarbeit, in der ein Hochkar des Hochschwabmassives, bestehend aus ca. 130 Einzelfotos, durch perspektivische Gesetzmäßigkeiten nie ganz zusammenpassen kann und doch irgendwie ein Ganzes bildet. Der "Kalkstock" bildet eine massive alpine Erscheinung, zerfällt aber gleichzeitig in seine Bestandteile.

Den Landschafts- und Architekturtopografien der Fotos und Videos von Michael Goldgruber gegenübergestellt sind Installationen die vorwiegend aus statistischem Material, der Regionalentwicklung der wichtigsten Gemeinden des Hochschabgebietes bestehen, recherchiert und ausgewählt von Eva Guttmann. Es geht um trockene Zahlen, die sowohl eine informative und dokumentarische Ebene in die Ausstellung einbringen als auch in ihrer Erscheinung als "Textpanoramas" wiederum als Landschaften gelesen werden können.

Auch der lyrische Text von Thomas Ballhausen, eine Stanze, die ein sehr persönliches Stimmungsbild der Region abgibt, spielt als Ausstellungs-"Objekt" mit diesem Oszillieren eines Textes zwischen narrativer Ebene und topografischer Erscheinung als Ganzes. Die einzelnen Wörter der Stanze "fahren" in einer filmischen Projektion an den BetrachterInnen vorbei wie Fragmente dieser hochsteirischen Landschaft beim Blick aus dem Fenster eines Linienbusses.

Das Massive des Kalkgebirges, seine gleichzeitige permanente Auflösung - durchaus auch als kultureller "Aggregatzustand" zu lesen - wird durch die Mehrkanal-Soundinstallation von Samuel Schaab in eine Klangwelt transferiert. Ein scheinbar zufälliges, jedoch rhythmisch komponiertes Poltern und Rieseln, der Hochschwab als Percussioninstrument, Steinschlag als akustisches Merkmal des "Kalkstockes".



Michael Goldgruber
geboren 1965 in Leoben, lebt und arbeitet in Wien, Etmißl (Hochschwabgebiet) und Istrien.
Er war 1987-1990 außerordentlicher Hörer an der Hochschule für angewandte Kunst, studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Wien und wurde von 1986 - 1989 bei Bernd Schilling in Wien als Fotograf ausgebildet.
2012 absolvierte er einen mehrmonatigen Aufenthalt im Fotoatelier des Bundes in der Cité des Arts in Paris und 2015 im Contretype (Zentrum für zeitgenössische Fotografie) in Brüssel.
2007 erhielt er das österreichische Staatsstipendium für bildende Kunst und 2015 einen internationalen Preis für Kunstfotografie in Paris, "La Quatriéme Image".
Von 1988 bis 2016 absolvierte er zahlreiche Einzelausstellungen, u.a. in Wien, Graz, Linz, Mürzzuschlag, Berlin, Zürich, Paris, Brüssel, Pula und New York.
und nahm an Gruppenausstellungen in Wien, Graz, Linz, Berlin, Stuttgart, Zürich, Paris, Mexiko City, Santiago de Chile, Havanna, Moskau, Nizhny Novgorod, Shanghai, Bukarest, Sophia, Sarajevo, Belgrad, Zagreb, Athen und Bologna teil.


Eva Guttmann
studierte Politikwissenschaften und Geschichte in Innsbruck, sowie Architektur in Graz. 2004-2009 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010-2013 Geschäftsführerin des Hauses der Architektur, Graz, seit 2014 freiberufliche Architekturpublizistin, seit 2015 Projektleiterin Österreich für Park Books, Zürich.


Thomas Ballhausen
(Mag. Dr.), geboren 1975 in Wien. Autor, Literaturwissenschaftler und Kulturphilosoph. Lehrbeauftragter u.a. an der Universität Wien und der Universität Mozarteum Salzburg. Aktuelle Forschungsschwerpunkte umfassen Critical Heritage Studies, Filmgeschichte, Bild-Text-Relationen, Diskurse der Zeugenschaft und medienübergreifende Quellenkunde. Zahlreiche literarische und wissenschaftliche Veröffentlichungen, mehrere selbständige Publikationen, u.a.: Lob der Brandstifterin (2013), In dunklen Gegenden (2014), Signaturen der Erinnerung (2015), Gespenstersprache (2016).


Samuel Schaab
Geb.1981 in Starnberg.
Studium der Medienkunst bei Bernhard Leitner Universität für angewandte Kunst und an der Züricher Hochschule der Künste.
Lebt und arbeitet als Bildender Künstler & Musiker in Wien.
Arbeiten im Bereich Installation/Skulptur, ortspezifische Interventionen, Video & Sound
Seine Arbeiten waren unter anderem auf der 14. Architekturbiennale Venedig 2014, Tba 21,
der Vienna Contemporary Art Fair, der Galerie 5020 Salzburg, dem Dumbo Arts Festivals New York dem Soulangh Art Center Taiwan
der Sammlung Friedrichshof , bei Unttild Contemporary und dem Schauspielhaus Wien zu sehen.
2015 erschien seine Monografie "Zirkulationen" bei SchleebrüggeEditor.




Am 24. und am 31. Dezember ist die Ausstellung geschlossen.

Dauer der Ausstellung: bis Sonntag, 14. Jänner 2018
Öffnungszeiten: Donnerstag - Samstag: 10 - 18 Uhr,
Sonntag: 10 - 16 Uhr



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