literatur / muerzer gespräche zur dichtung

„Tu se' lo mio maestro e 'l mio autore“.
Von Dante lernen
Symposium und Lesefest

30. 6. bis 3. 7. 2019 / 19.30 uhr
kunsthaus muerz und neuberg

Dante Alighieris Commedia (1307-1320) hat seit ihrer ersten Aufnahme durch unmittelbare Zeitgenossen unzähligen literarischen und bildkünstlerischen Auseinandersetzungen den Weg bereitet. Für diese lebendige Aneignungs- und Auslegungstradition legen Ossip Mandelstams Gespräch über Dante, Stefan Georges und Rudolf Borchardts eigenwillige Übertragungen sowie Ezra Pounds Cantos im 20. Jahrhundert ein beredtes Zeugnis ab. Aber nicht nur den nachgeborenen Dichterinnen und Dichtern, sondern auch allen anderen Bewunderern steht mit Dantes im florentinischen Italienisch verfassten Hauptwerk die Erfahrung eines Schreibens offen, in dem die poetische Schöpfung mit der Affirmation einer Sprache zusammenfällt und die Feier des Jenseits mit der Reflexion auf ganz und gar diesseitige Ereignisse, Erlebnisse und Gemütszustände.

Als „Dichter der irdischen Welt“ wollte Erich Auerbach den Autor der Commedia verstanden wissen, so sehr seiner Zeit voraus, dass man „zu der Überzeugung gelangt, dieser Mensch habe die Welt durch seine Sprache neu entdeckt“. In der Tat hat kein Dichter die begriffliche Benennung so sehr auf die Probe gestellt, keiner die Metapher so sehr zur lebendigen Zelle des Verstehens gemacht, keiner den Bogen von der gestalterischen Durchdringung zur innigen autobiographischen Einzelheit mit so viel Hingabe gespannt. Denn ebenso wie „Dante“ als Held des Gedichts im Durchqueren der drei Reiche zu immer weiteren Kenntnissen und Erfahrungen vorstößt, konzipiert Dante der Dichter, von canto zu canto weiterschreitend, das eigene Schaffen im Zeichen der unermüdlichen Selbstüberbietung. Dass Andrea Zanzotto und Edoardo Sanguineti, die beiden wichtigsten Vertreter einer experimentellen Lyrik in Italien, zeitlebens auf Dante geblickt und ihm bedeutende Studien gewidmet haben, mag vor diesem Hintergrund für sich sprechen.

„Tu se' lo mio maestro e 'l mio autore“ ist der Vers, mit dem Dante im ersten Gesang des Inferno dem aus seiner Deckung getretenen Vergil seine Ehre bezeigt, ehe er sich zu seinem größten Unternehmen anschickt. Unter Vergils Ägide tritt er seine Aufgabe an und über Vergils Erbe treibt er sie hinaus mit der Beherztheit dessen, der aus dem Exil buchstäblich um sein Leben schreibt. Jedoch wie ist es gemacht, dieses Gedicht, und wie kann, wer sich heute darauf einlässt, seine Werkstatt dadurch bereichern? Nun, wo Dantes Tod in Ravenna sich bald zum 700. Mal jährt, scheint es mehr denn je angebracht, das mittelalterliche Triptychon aus der Klammer des Kanons (aber nicht des historischen Kontexts) zu lösen, um sich zu seinen Verfahren ebenso nachdrücklich wie respektvoll in ein Verhältnis zu setzen. Die Wanderung vom Diesseits ins Jenseits und vom Jenseits in das Heute zurück wird so als poetische Verwandlung eines Weltgedichts lesbar, das mit seinem anhaltenden Leuchten auch heute noch die Gedichtwelt zu begeistern und vor allem herauszufordern vermag.

Sonntag, 30.6.2019
Neuberg an der Mürz / Festsaal der Gemeinde
19.30 uhr

Begrüßung: Thomas Eder
Vorrede: Theresia Prammer
„Wie diamant durch den die sonne schneide”.
Lectura Dantis von Sibylle Lewitscharoff
und Piero Boitani

Montag, 1.7.2019
Mürzzuschlag / kunsthaus muerz
9.30 – 13.00 uhr

Valentin Groebner: Schreiben in einer sehr unordentlichen Welt: Was kann man von Dante über Politik, Alltag und Schmutz lernen?
Piero Boitani: „Our Concern Was Speech“: A Bird’s Eye View of Dante in English Poetry
Peter Kuon: Dante und seine Göttliche Komödie in der Populärkultur

15.00 – 17.30 uhr
Norbert Hummelt: Gespräch im Gehen
Esther Kinsky: Fünf Fragen an: Tenebrae
Ferdinand Schmatz: Ausführendes Verstehen

17.30 uhr
„Kommentar im Futurum“. Ein Gespräch über Mandelstams Gespräch über Dante
Mit Norbert Hummelt, Esther Kinsky und Ferdinand Schmatz
(Moderation: Thomas Eder, Theresia Prammer)

19.00 uhr
Lesungen
Paul Henri-Campbell, Esther Kinsky, Sibylle Lewitscharoff, Ferdinand Schmatz

21.00 uhr
Gasthof Schäffer, Neuberg an der Mürz
„Io premerei di mio concetto il suco“ - Gasthaus Interventionen zur literarischen Dante-Rezeption

Dienstag, 2.7.2019
Mürzzuschlag / kunsthaus muerz
9.30 – 13.00 uhr

Adrian la Salvia: Dante und Doré.
Der kinematografische Blick
Franz Josef Czernin: Zu Danteverwandlungen
Michael Donhauser: Ewige Endlichkeit

15.00 – 18.30 uhr
Paul-Henri Campbell: Schöpfung und Struktur aus dem Geiste der Scholastik. Thomistische Theologie in Dantes Commedia
Thomas Poiss: Metamorphosis: Zur Poetik des Menschen bei Dante und Ovid
Oswald Egger: In Form von Worten oder Formen ohne Worte (ausgehend von Paradiso, XX, 29)

19.30 uhr
„Contrapasso“: Übersetzungen, Verwandlungen, Antworten
Franz Josef Czernin: Danteverwandlungen. Kommentierte Lesung
Michael Donhauser: Purgatorio, XXVIII
Norbert Hummelt: Fegefeuer
Max Höfler: Commedia

Mittwoch, 3.7.2019
Neuberg an der Mürz / Gasthof Schäffer
9.30 – 13.00 uhr

„L’alba vinceva l’ora mattutina“ - Matinee

Workshop 1:
„Diverse lingue, orribili favelle”
Dantes Dialekte
Annette Kopetzki stellt Dante als vielsprachigen Autor vor und präsentiert Übersetzungen im Vergleich (Deutsch und Italienisch)
Workshop 2:
„La passione impressa“
Dante-Lektürekreis
Roberto Galaverni führt durch ausgewählte Gesänge und spürt Besonderheiten des Ausdrucks nach (Italienisch und Deutsch, begleitet von Theresia Prammer)
Schlussdiskussion, letzte Canti
Abschied & Aufbruch



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