HERTA MÜLLER

Symposium

Am 20. und 21.9.2024 findet im kunsthaus muerz ein Internationales Symposium zum Werk der Nobelpreisträgerin Herta Müller in Form von drei frei zugänglichen Gesprächsrunden statt. Neun hochqualifizierte Mitwirkende leuchten gemeinsam die unterschiedlichen Aspekte von Herta Müllers Werk aus:
 
20.9.: 10.00 Uhr / 15.30 Uhr
20.9.: 19.30 Uhr / Filmvorführung: Alphabet der Angst
21.9.: 10.30 Uhr
21.9.: 16.00 Uhr: Abschlussgespräch mit Publikumsbeteiligung 
21.9.: 19.30 Uhr: Lesung mit Herta Müller
 
 
An diesem Symposium nehmen folgende Persönlichkeiten teil:
Franz Josef Czernin (Dichter; Österreich) 
Horatiu Gabriel Decuble (Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Autor; Rumänien)
Norbert Otto Eke (Literaturwissenschaftler; Deutschland)
Angelika Klammer (Lektorin, Gesprächspartnerin Herta Müllers; Österreich)
Dagmara Kraus (Schriftstellerin; Deutschland)
Elke Schmitter (Autorin, Journalistin; Deutschland)
Jürgen Wertheimer (Literaturwissenschaftler; Deutschland)
 
Moderation: Maren Jäger (Literaturwissenschaftlerin; Deutschland);
Ernest Wichner (Dichter, Übersetzer; Deutschland, vormals Rumänien)

 

FILMVORFÜHRUNG: ALPHABET DER ANGST (Niederlande, 2015) 55‘
Ein biografischer Dokumentarfilm über und mit Herta Müller von JOHN ALBERT JANSEN
Freitag, 20.9.
19.30 Uhr 

Begrüßung: Thomas Eder

Der in Rumänien und Berlin gedrehte Film spürt den Ausgangsimpulsen der literarischen und künstlerischen Arbeit Herta Müllers nach. Die Zugehörigkeit ihres Vaters zur SS, die Zwangsarbeit der Mutter nach dem Krieg in einem sowjetischen Arbeitslager, die Repressionen des Ceaușescu-Regimes und später die Schikanen der Securitate prägten das Leben der Heranwachsenden und der jungen Erwachsenen. Die Präzision der Sprache und die subversive Kraft der Literatur waren ihre Mittel, die sie der stets präsenten Angst dieses Leben entgegensetzen konnte.

JOHN ALBERT JANSEN (1954 – 2024) war ein niederländischer Journalist und Dokumentarfilmer. Bekannt wurde er vor allem durch seine dokumentarischen Portraitfilme von Autorinnen und Autoren, neben Herta Müller u.a. über den weltbekannten tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal, die polnische Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska, den vor allem als Dichter bekannten niederländischen Avantgardeschriftsteller Remco Campert und den ein ukrainischen Ghetto überlebenden deutschen Schriftsteller Edgar Hilsenrath.

 

Mit dem Film Alfabet der Angst korrespondierende Buchinformation:
Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern (Hg. Angelika Klammer, Hanser Verlag, 2014):

Herta Müller hat spätestens nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 2009 faszinierte Leserinnen und Leser in aller Welt gefunden. In einem großen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt sie nun zum ersten Mal ausführlich von dem, was sie zum Schreiben gebracht hat und was ihr Leben als Autorin bestimmt: von der dörflichen Kindheit im diktatorisch regierten Rumänien über die Ausreise nach Westdeutschland 1987 bis zur Verleihung des Nobelpreises 2009 in Stockholm. Eine Lebensgeschichte in der Literatur.

 

Biografie Herta Müller

Geboren am 17.8.1953 in Nitzkydorf (Rumänien) als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit im Banat. 1972-1976 Studium der Germanistik und Rumänistik in Temeswar. 1977-1980 Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Entlassung wegen der Weigerung, mit dem Geheimdienst „Securitate“ zu kooperieren. Danach nur noch zeitweilig als Lehrerin beschäftigt. Das Erscheinen des ersten Buches „Niederungen“ wurde jahrelang verhindert. 1982 erschien es nach starken Eingriffen der Zensur und 1984 in der Originalfassung in Deutschland. Ab 1985 Publikationsverbot in Rumänien. Doch ihre ungeschminkte Darstellung und Kritik der Realität der Diktatur Ceausescus in westlichen Medien führte zu immer stärkerer Repressionen bis hin zu Todesdrohungen. 1987 konnte sie nach Deutschland ausreisen. Sie lebt seither in Berlin. 2009 erhielt Herta Müller den Nobelpreis für Literatur. Sie habe „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, hieß es in der Würdigung. Begründet wurde die Vergabe des Nobelpreises mit der Intensität der von ihr verfassten Literatur. Die Titel ihrer Bücher enthalten häufig Sprachbilder, die im Hochdeutschen nicht üblich sind.

Prosabände:
Niederungen. Prosa (1982 zensierte Fassung in Rumänien; 1984 in Deutschland);
Drückender Tango. Prosa. (1984 Rumänien, 1988 Deutschland); Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt (1986); Barfüßiger Februar (1987); Reisende auf einem Bein (1989); Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet. (1991); Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992); Herztier (1994); Heute wär ich mir lieber nicht begegnet (1997); Atemschaukel (2009).

CD:
Die Nacht ist aus Tinte gemacht. Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat. (2009).

Collagen:
Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet. (1991);
Der Wächter nimmt seinen Kamm. (1993); Im Haarknoten wohnt eine Dame. (2000); Este sau nu este Ion (2005, Rumänien); Die blassen Herren mit den Mokkatassen (2005); Vater telefoniert mit den Fliegen (2012); Im Heimweh ist ein blauer Saal. (2019); Der Beamte sagte (2021).
Essays über Literatur und anderes:
Hunger und Seide. Essays (1995); Der fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne (1999); Der König verneigt sich und tötet (2003); Cristina und ihre Attrappe oder Was (nicht) in den Akten der Securitate steht (2009); Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel (2011); Eine Fliege kommt durch einen halben Wald (2023).


Die Mitwirkenden am Symposium:


Franz Josef Czernin
, * 1952 in Wien, lebt als Dichter und Sprachanalytiker in Wien und Rettenegg (Steiermark). Publikationen (Auswahl): ossa und pelion. Gedichte (1979); anna und franz (1982); die kunst des sonetts. Gedichte (1985; Band 2 1993); Sechs tote Dichter. Aufsätze zur Literatur (1992); die aphorismen. eine einführung in die mechanik (8 Bd., 1992); Gedichte. Fragmente aus der Kunst des Dichtens (1992); Marcel Reich-Ranicki. Eine Kritik (1995); natur-gedichte (1996); Dichtung als Erkenntnis. Zur Poesie und Poetik Paul Wührs (1999); Apfelessen mit Swedenborg. Essays zur Literatur (2000); elemente, sonette (2002); elstern. versionen. Gedichte (2006); Zur Metapher. Die Metapher in Philosophie, Wissenschaft und Literatur (Hg. mit Thomas Eder, 2007); Der Himmel ist blau. Aufsätze zur Dichtung (2007); staub.gefässe. Gesammelte Gedichte (2008); Das telepathische Lamm. Essays und andere Legenden (2011); zungenenglisch. visionen, varianten (2014); Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn. Ornamente, Metamorphosen und andere Versuche (2015); Das andere Schloss (2018); Der goldene Schlüssel und andere Verwandlungenreisen (2018); auch winterlich. Gedichte (2019); geliehene zungen. Gedichte (2023).
Preise und Auszeichnungen (Auswahl): 2007 Georg-Trakl-Preis, 2013 H.C. Artmann-Preis, 2015 Ernst-Jandl-Preis.

Gabriel Horaţiu Decuble, * 1968 in Sângeorz-Băi; leitet die Abteilung für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Bukarest. Forschung und Lehre: von der mittelalterlichen bis zur zeitgenössischen Literatur, vergleichende Literaturwissenschaft, Übersetzungstheorie und -praxis – u.a. Meister Eckhart, Goethe, Schopenhauer, Brecht, Jandl, Pastior. Buchveröffentlichungen u.a. Die Hagiographische Konvention. Zur Konstituierung der Heiligenlegende als literarische Gattung (2002); »Und es immer schlimmer machen…« Nietzsches philosophischer Entbildungsroman (2012). Als Schriftsteller: Gedichtbände Epistole și alte poeme (2001), Eclectica (2007), The înd (2013); Kurzprosa, Roman Tu n-ai trăit nimic (2014). Publikationen in Anthologien in Deutschland, u.a. in Einladung nach Rumänien. Klassische und moderne Erzählungen (2016).

Norbert Otto Eke, * 1958 in Nördlingen, Studium der Germanistik und Theologie u.a. an der FU Berlin; Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren in den USA, China, Kuba, Japan, Ordinariat in Amsterdam. Seit 2006 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn und leitet die Paderborner Gastdozentur für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Eke beschäftigt sich mit Literaturtheorie und Ästhetik an der Schnittstelle von Philologie, Theater-, Kultur- und Medienwissenschaft. Forschungsschwerpunkte: Literatur und Theater vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, insbesondere Vormärz und der Gegenwartsliteratur sowie speziell der deutsch-jüdischen Literatur.
Buchpublikationen (Auswahl): Heiner Müller (1999); Literaturwissenschaft (mit Alo Allkemper, 2004); Einführung in die Literatur des Vormärz (2005); Shoah in der deutschsprachigen Literatur (Hg. mit Hartmut Steinecke, 2006); Wort/Spiele. Drama – Film – Literatur (2007); Das deutsche Drama im Überblick (2015); Handbuch Herta Müller (Hg., 2017); Vormärz-Handbuch (Hg., 2018); Herta Müller. Text + Kritik 155. Neufassung (Hg. mit Christof Hamann, 2020); Irrläufe. Herta Müllers Poetik des Eigen-Sinns, erscheint am 1.9.2024 in der edition text + kritik

Maren Jäger, *1977 in Bottrop, Studium Deutsche Philologie, Anglistik, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Mainz und Glasgow. Gastprofessorin der Humboldt Universität Berlin. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Rhetorik und Poetik der Kürze, Gattungstheorie und Geschichte kurzer Formen, Formen, Theorie und Geschichte der Lyrik und Lyrik des 21. Jahrhunderts. Moderatorin von Lyrik-Veranstaltungen, Kritikerin.
Veröffentlichungen (Auswahl): Die Joyce-Rezeption in der deutschsprachigen Erzählliteratur nach 1945 (2009); Ichtexte. Beiträge zur Philologie des Individuellen (Hg. mit Christopher Busch, Till Dembeck, 2019); Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen, Verkleinerung (Hg. mit Ethel Matala de Mazza und Joseph Vogl, 2021).

Angelika Klammer, 1960 in Villach, Studium der Germanistik, Philosophie und Hispanistik,
Dissertation über Baltasar Gracián. Lektorin u.a. der Verlage Residenz und Jung und Jung.
Seit 2011 freischaffende Lektorin und literarische Projektentwicklerin.
Buchpublikationen (Hg.): Was für ein Peter! Über Péter Esterhazy (1999); Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern (2014).

Dagmara Kraus, *1981 in Wrocław/Polen, Studium der Komparatistik und Kunstgeschichte in Leipzig, Berlin und Paris; Gastdozenturen an mehreren Literaturinstituten, seit 2021 ist sie Juniorprofessorin am Literaturinstitut Hildesheim. lebt in Berlin. Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Polnischen und Französischen. Buchpublikationen (Auswahl): kummerang. (2012); kleine grammaturgie (2013); das vogelmot schlich mit geknickter schnute. 22 elfzeiler (2015); wehbuch (undichte prosage) (2016); alle nase diederdase (2018); Ankind der Tinten. Über Einfluss und Einfraß (Essays, 2018); liedvoll, deutschyzno. Gedichte (2020); Entstehung dunkel. Ein Geräuschtext (mit Marc Matter; Audio-CD, 2021); Poetiken des Sprungs (2022).

Elke Schmitter, *1961 in Krefeld, Studium der Philosophie in München. Autorin und Journalistin, 1992 – 1994 Chefredakteurin der Berliner taz, seit 2001 Redakteurin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.
Buchveröffentlichungen: Windschatten im Konjunktiv. Gedichte (1982); Und grüß mich nicht unter den Linden. Essay (1998); Frau Sartoris. Roman (2000); Leichte Verfehlungen. Roman (2002); Kein Spaniel. Gedichte (2005); Veras Tochter. Roman (2006); Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur. Essays (zusammen mit Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, 2009); Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst; Essays (mit Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Meyer, Evelyn Roll, 2017); Inneres Wetter. Roman (2021).

Jürgen Wertheimer, *1947 in München, Studium der Germanistik, Komparatistik, Anglistik und Kunstgeschichte in München, Siena und Rom. 1991 bis 2015 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen. 1996 bis 2004 Organisator der Tübinger Poetik-Dozentur. Seit 1992 Mitherausgeber der komparatistischen Zeitschrift arcadia.
Schwerpunkte seiner universitäarenLehre: Exodus-Mythos, literarische Außenseiter (u.a. Hölderlin, Kleist, Kafka), Vertrauen als kulturelles Grundgefühl, europäische Kulturgeschichte.
Wertheimer leitet das Projekt Cassandra. Literatur als Frühwarnsystem, derzeit in Kooperation mit dem Weltethos-Institut Tübingen.
Buchveröffentlichungen (Auswahl): Ästhetik der Gewalt. Ihre Darstellung in Literatur und Kunst (Hg., 1986); „Der Güter gefährlichstes, die Sprache“. Zur Krise des Dialogs zwischen Aufklärung und Romantik (Hölderlin, Diderot, Rousseau) (1990); Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur (1999); Strategien der Verdummung, Infantilismus in der Fun-Gesellschaft (Hg. mit Peter V. Zima, 2002); Du wachst auf, und der Albtraum beginnt … Europäische Romane des 20. Jahrhunderts (2002); Krieg der Wörter: Die Kulturkonfliktslüge (2003); Die Venus aus dem Eis. Wie vor 40 000 Jahren unsere Kultur entstand (mit Nicholas J. Conard, 2010); Maidan. Tahrir. Taksim. Die Sprache der Plätze. Protest, Aufbruch, Repression (mit Isabelle Holz und Florian Rogge, 2017); Europa – eine Geschichte seiner Kulturen. (2020); Sorry Cassandra! Warum wir unbelehrbar sind (2021); Mischwesen. Tiere, Menschen, Emotionen (2022).

Ernest Wichner, *1952 in Guttenbrunn/ Zăbrani (Banat/Rumänien), Studium der Germanistik und Rumänistik in Temeswar. Gründungsmitglied des Schriftstellerkreises Aktionsgruppe Banat (1972 bis 1975); lebt seit 1975 in Deutschland. Er studierte Germanistik und Politologie an der Freien Universität Berlin. Autor, Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Rumänischen (u.a. Norman Manea, M. Blecher, Nora Iuga, Varujan Vosganian, Mircea Cărtărescu); Herausgeber der Werkausgabe von Oskar Pastior (seit 2003). Ab 1987 Mitarbeit, 2003 – 2017 Leitung des Literaturhauses Berlin.
Buchveröffentlichungen: Steinsuppe. Gedichte (1988/ 2000); Alte Bilder. Erzählungen (2001); Die Einzahl der Wolken. Gedichte (2003); Rückseite der Gesten. Gedichte (2003); bin ganz wie aufgesperrt, Gedichte (2010); Neuschnee und Ovomaltine, Gedichte (2010); Heute Mai und morgen du, Gedichte (2022).

 

(c) Foto: Laurence Chaperon

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