HERTA MÜLLER

Lesung

Herta Müller liest aus zwei zentralen Büchern ihres Werkes: aus ihrem zuletzt veröffentlichten Roman Atemschaukel (2009) und aus ihrer „Erzählung in Collagen“, Der Beamte sagte (2021)

Einleitung und Gespräch mit der Autorin: Kurt Neumann (Wien)


Zu Atemschaukel und Der Beamte sagte:

Zusammen mit den Dichterfreunden Oskar Pastior und Ernest Wichner hat Herta Müller 2004 die ehemaligen sowjetischen Lager in der heutigen Ukraine, in denen von 1945 bis 1949 unter rund 75.000 deutschsprachigen Rumänen auch ihre Mutter und Oskar Pastior als kollektiv auferlegte Strafe Zwangsarbeit verrichten mussten, aufgesucht und danach mit Pastior ein gemeinschaftliches literarisches Projekt begonnen, das eine ästhetisch akzentuierte Antwort auf jene lebensbedrohliche Leidenszeit finden und zugleich ein wahrhaftiges Zeugnis ablegen sollte.
Pastior hatte erstmals über die Erfahrungen aus der Lagerzeit zu sprechen begonnen, Herta Müllers Mutter schwieg darüber beharrlich, sagte nur ab und zu für die Tochter rätselhafte Sätze wie: Wind ist kälter als Schnee oder Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett.
In die Ich-Stimme im nach dem plötzlichen Tod Pastiors 2006 allein fortgeführten Buch ist das authentische Zeugnis Pastiors eingebettet, sie reicht aber darüber hinaus, indem die Berichte anderer Überlebender jener Lager wie Botschaften des „fremden Blickes“ darin ihren Widerhall finden.
Atemschaukel  kann als Brennglas von Herta Müllers erzählendem Werk gelten, in dem diese Botschaften des „fremden Blicks“ zu sprachlichen Kippfiguren, zu Kristallisationskernen des Poetischen und zugleich zu Bausteinen der Erzählung werden.

Die Bildkraft sprachlicher Kippfiguren bildet auch das Verbindungselement zu Herta Müllers Collagen aus ausgeschnittenen Buchstaben, Wörtern und Bildern, die sie seit Anfang der 1990er Jahre parallel zu ihrem Erzählwerk herstellt und veröffentlicht. In Der Beamte sagte fasst sie eine ganze Geschichte in Collagen, nichts weniger als eine neue literarische Form des Erzählens. Gezeigt werden Szenen im Auffanglager einer deutschen Kleinstadt, in denen deutsche Geheimdienstbeamte die Arbeit ihrer rumänischen Kollegen fortzusetzen scheinen.
Rätselhafte, abgründige und doch poetische Konstellationen zeugen von der Widerstandskraft eines eigenmächtigen Gebrauchs sprachlicher und bildlicher Bausteine gegen die Ohnmacht existentiellen Ausgeliefertseins.


Die 1953 in einem rumänischen Dorf in eine deutschsprachige Familie geborene Schriftstellerin Herta Müller wurde im Jahr 2009 für ihr außergewöhnliches und bildstarkes Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In ihren Büchern beschreibt sie anschaulich das Leben und den Freiheitsdrang junger Menschen, der von der kommunistischen Diktatur gnadenlos unterdrückt und verfolgt wird. Herta Müller konnte in Rumänien nur kurze Zeit als Lehrerin arbeiten, der rumänische Geheimdienst verhörte und bedrohte sie jahrelang, sie musste in einer Fabrik arbeiten und konnte ihre Erzählungen zuerst gar nicht, dann nur in sehr stark zensurierter Form in Rumänien veröffentlichen. 1987 durfte sie mit ihrer Mutter nach Deutschland ausreisen.
Zur einzigartigen Qualität ihrer Erzählungen und Romane trägt nicht zuletzt die eindringliche Bildkraft ihrer Sprache bei, die von den starken Sinneseindrücken ihrer ländlichen Kindheit geprägt ist.

Biografie Herta Müller

Geboren am 17.8.1953 in Nitzkydorf (Rumänien) als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit im Banat.
1972-1976 Studium der Germanistik und Rumänistik in Temeswar.
1977-1980 Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Entlassung wegen der Weigerung, mit dem Geheimdienst „Securitate“ zu kooperieren. Danach nur noch zeitweilig als Lehrerin beschäftigt.
Das Erscheinen des ersten Buches „Niederungen“ wurde jahrelang verhindert. 1982 erschien es nach starken Eingriffen der Zensur und 1984 in der Originalfassung in Deutschland. Ab 1985 Publikationsverbot in Rumänien. Doch ihre ungeschminkte Darstellung und Kritik der Realität der Diktatur Ceausescus in westlichen Medien führte zu immer stärkerer Repressionen bis hin zu Todesdrohungen. 1987 konnte sie nach Deutschland ausreisen.
Sie lebt seither in Berlin.

2009 erhielt Herta Müller den Nobelpreis für Literatur. Sie habe „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, hieß es in der Würdigung. Begründet wurde die Vergabe des Nobelpreises mit der Intensität der von ihr verfassten Literatur. Die Titel ihrer Bücher enthalten häufig Sprachbilder, die im Hochdeutschen nicht üblich sind.


Prosabände:

Niederungen. Prosa (1982 zensierte Fassung in Rumänien; 1984 in Deutschland);
Drückender Tango. Prosa. (1984 Rumänien, 1988 Deutschland); Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt (1986); Barfüßiger Februar (1987); Reisende auf einem Bein (1989); Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet. (1991); Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992); Herztier (1994); Heute wär ich mir lieber nicht begegnet (1997); Atemschaukel (2009).

CD:
Die Nacht ist aus Tinte gemacht. Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat. (2009).

Collagen:
Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet. (1991);
Der Wächter nimmt seinen Kamm. (1993); Im Haarknoten wohnt eine Dame. (2000); Este sau nu este Ion (2005, Rumänien); Die blassen Herren mit den Mokkatassen (2005); Vater telefoniert mit den Fliegen (2012); Im Heimweh ist ein blauer Saal. (2019); Der Beamte sagte (2021).

Essays über Literatur und anderes:

Hunger und Seide. Essays (1995); Der fremde Blick oder Das Leben ist ein Furz in der Laterne (1999); Der König verneigt sich und tötet (2003); Cristina und ihre Attrappe oder Was (nicht) in den Akten der Securitate steht (2009); Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel (2011); Eine Fliege kommt durch einen halben Wald (2023).

 

(c) Foto: Laurence Chaperon

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