Jászló F. Földényi, Christian Steinbacher

Der ungarische Literaturwissenschaftler László F. Földényi hat in den letzten Jahren zwei außergewöhnliche Bücher veröffentlicht, die das Phänomen der Melancholie umkreisen. Seine Monographie Melancholie bietet einen inspirierten cursus durch die wechselvolle Geschichte dieses Begriffs und des Bereichs seiner Anwendung. Und in seinem „schonenden Buch“ zu Heinrich von Kleist (1999), das von einer möglichen Last der totalistischen Darstellung bewahrt, legte Földényi ein Stichwort- und Verweisraster aus, mit dessen Hilfe er äußerst überraschende und einleuchtende Spuren im Gesamtphänomen Heinrich von Kleist ans Licht bringt. Die hinter dieser Lektürepraxis immer wieder zum Vorschein tretende Stimmung der Melancholie hat Christian Steinbacher aufgegriffen. In unterschiedlichen Stimmlagen umkreist der Autor in seinem jüngsten Buch ein Feld, das im Untertitel mit Von Melancholien, Maul-Würfen und deren Zurückweisung benannt wird. Einerseits endlose Satzfluchten, andererseits losgelassene Dialoge stehen für die Eck-punkte dieser stets auch musikalisch gedachten Prosa. Die Stimmlagen entsprechen den jeweiligen Gestimmtheiten (und Melancholie wird, mit Földényi, eben als Stimmung und nicht als Gefühl definiert) und reichen von einer anfänglichen ornamentalen Einübung in die Schrift über ein Fortschreiben von Sprachdetails eines Walser, Kleist oder Robert Burton bis hin zu den Selbstgesprächen einer nicht verortbaren künstlichen Doppelfigur und zum beendenden Abprallen der melancholischen Gedankenwelt am quirligen Mit-einbezug vorbeiziehender Alltags-Splitter. Ähnlich wie dies Földényi an Kleists Marquise von O. herausarbeitet, äußert sich bei Steinbacher die Orientierungslosigkeit dessen, der seinen geliebten Menschen verloren hat, nicht in unverständlichen Worten angesichts einer unlösbaren Situation. Die Figuren- und die Erzählerrede in Steinbachers Treffsicher-heit ist wie jene des Grafen F. bei Kleist verständlich, ja nahezu im Übermaß syntaktisch korrekt und logisch. Das wirkliche Problem der Figuren Kleists und Steinbachers besteht darin, daß sie nicht wissen, wie man über das sprechen soll, was einen schon vor den Tiraden von innen her zerreißen will.