Cerha, Henze, Stockhausen

[b]ernst kovacic im gespräch mit josef pillhofer ernst kovacic, violine friedrich cerha aus: sechs stücke hans werner henze serenade für solovioline karlheinz stockhausen aus: tierkreis[/b] Cerha, Henze und Stockhausen – Werke dreier Altersgenossen (Cerha und Henze sind 1926, Stockhausen ist 1928 geboren), die jeder auf seine Weise die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts mit geprägt haben, stehen symptomatisch für die zu schlagenden Brücken in die Gegenwart am Beginn des Festivals. Nicht hoch genug zu werten ist die Rolle, die [b]Friedrich Cerha[/b] in Bezug auf die Entwicklung der zeitgenössischen Musik in Österreich nach 1945 zukommt. Ausgebildeter Geiger und Komponist, hat er sich frühzeitig mit allen Strömungen der neuen Musik auseinandergesetzt: Dem Neoklassizismus, der Zwölftontechnik von Joseph Matthias Hauer (dessen Schüler er u.a. war), den seriellen Techniken Anton Weberns und des Darmstädter Kreises und der Musik der New York School, die er als Gründer und langjähriger Leiter des Ensembles die reihe als einer der ersten in Österreich vorstellte. Obwohl er sich seit den sechziger Jahren von den verschiedenen Einflüssen löste, bemühte er sich vor allem als Dirigent um die Etablierung der Musik der klassischen Moderne im Konzertwesen und wandte sich damit indirekt auch gegen die propagierte und selektierte Traditionslosigkeit der zeitgenössischen Musik. Die ständige Verbindung von Theorie und Praxis blieb nicht folgenlos für seine kompositorische Arbeit: Die klangliche Ausprägung seiner Werke lässt den mit den Möglichkeiten des modernen Instrumentariums bestens vertrauten Praktiker erkennen, der – unbeirrt durch Strömungen und Moden – mit Werken wie dem \"Spiegel\"-Zyklus für Orchester und den Opern \"Baal\" und \"Der Rattenfänger\" einen großen Beitrag zur Musikgeschichte nicht nur Österreichs geleistet hat. Seine Sechs Stücke für Solovioline entstanden 1996 im Umfeld des Orchesterwerkes \"Jahr ins Ungewisse hinab\". Basierend auf Abschnitten aus Friedrich Hölderlins \"Schicksalslied\" greift Cerha hier die charakteristischen Wellenbewegungen des 1960 entstandenen ersten Teils des \"Spiegel\"-Zyklus auf – \"wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen…\" (Friedrich Hölderlin). Ähnlich wie Friedrich Cerha hat sich auch der derselben Generation entstammende [b]Hans Werner Henze[/b] nie nur auf das Komponieren beschränkt – obwohl sehr frühzeitig als einer der führenden Komponisten Deutschlands anerkannt (so wurde seine erste große Oper \"König Hirsch\" bereits 1956 unter Hermann Scherchen in Berlin aufgeführt) – ging er bereits Mitte der fünfziger Jahre auf Distanz zu den damals die öffentliche Diskussion bei den Darmstädter Ferienkursen bestimmenden Serialisten Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen, deren zunehmende Dogmatisierung der Musik Henze nicht nachvollziehen konnte. Er selbst bezeichnete die dort geführten Debatten als \"Nachklänge und Anachronismen\" einer ihn nicht mehr interessierenden Welt. In der Folgezeit versuchte Henze in und neben seinem kompositorischen Schaffen, das zu dieser Zeit vor allem von seinen Werken für das Theater und den Film geprägt war, mit seiner Arbeit auch an der Öffnung und Erneuerung der von ihm als bedrückend und einengend empfundenen Gesellschaft beizutragen – politisch motivierte Werke wie \"Das Floß der Medusa\", das zu einem der größten Konzertskandale in Deutschland führte, waren ebenso Teil des Bestrebens wie auch die konkrete organisatorische Umsetzung von Projekten wie den Sommerkursen in Montepulciano, die die Kluft zwischen der Hemisphäre der klassischen Musik und der einfachen Bevölkerung zu überbrücken suchten, der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater und nicht zuletzt auch der Mürztaler Werkstatt, einem Vorläufer des diesjährigen Festivals. Henzes Musiksprache war immer wieder Veränderungen unterworfen – ausgehend vom Unterricht bei Wolfgang Fortner stellte in der Folgezeit René Leibowitz einen wichtigen Bezugspunkt dar, prägend war gleichfalls die enge Zusammenarbeit mit der Dichterin Ingeborg Bachmann, mit der Henze zeitweise zusammenlebte. Nicht zuletzt unter dem Einfluss seiner Emigration nach Italien und seines ausgeprägten Theatersinns (als einer der wenigen zeitgenössischen Komponisten von Rang schrieb er neben seinen bisland 13 Opern mehr als zehn Ballette), entwickelte Henze eine Ästhetik, die sich nicht in der Negation des Bestehenden erschöpft, sondern versucht, den Begriff des \"Schönen\" als Musik erlebbar zu machen, ohne darüber die ästhetische und gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers aufzugeben. Seine Hinwendung zu den ästhetischen Prinzipien der Antike spiegelt sich auch in der 1996 uraufgeführten Serenade, die ganz ähnlich der bekannteren Serenade für Violoncello solo in aphoristischer Kürze die Schlichtheit der musikalischen Konzeption über das rein virtuose Element stellt. Die Rückführung der seriellen Komplexität zur Schlichtheit der musikalischen Grundidee beschäftigte [b]Karlheinz Stockhausen[/b] seit dem Ende der sechziger Jahre und gipfelte später in seinem monumentalen Opernzyklus \"Licht\", der als opus summum des bisherigen Schaffens alle wesentlichen Merkmale des Stockhausen’schen Stils ineinander vereint. Stockhausen, der seit den fünfziger Jahren als einer der brillantesten (und provokantesten) Köpfe der musikalischen Avantgarde galt, sah sich nach streng seriellen Anfängen mit der offenen Ästhetik John Cages konfrontiert, die den traditionellen Werkbegriff mehr als nur in Frage stellte. Anders als viele andere Komponisten, die aleatorische Elemente fremdkörperhaft in ihre Werkkonzeptionen aufnahmen, versuchte Stockhausen die Integration der \"intuiven\" Musik, wie er es nannte, unter den Maßgaben der Serialität zu realisieren. Neben der Live-Elektronik, deren Entwicklung maßgeblich in dieser Form von ihm mitgeprägt wurde, bezog er gegen Ende der sechziger Jahre auch improvisatorische und theatrale Darstellungsformen in seine Werke ein. Auch der zwischen 1974 und 1975 entstandene Zyklus \"Tierkreis\" ist eine von diesem Bemühen geprägte Folge von zwölf Stücken nach den Sternzeichen des Nördlichen Wendekreises, die aus einfachen kurzen Melodien bzw. Formeln bestehen, deren endgültige Ausführung in Bezug auf Dauer und Kombination dem Interpreten freigestellt ist.

Infos & Tickets

Mo / 01.10.2007
17:00 Uhr
neuberg / pillhofer-halle

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